Proposition 1.

Julia Ziegler

2. Juli - 4. Aug. 2004

Die Künstlerin hat den Großteil des Bodens im Ausstellungsraum mit Streifen unterschiedlicher Tapeten ausgelegt. Die Streifen sind nicht als ganze, lange Bahnen nebeneinander gelegt, sondern sie sind in der Form eines Flechtwerkes angeordnet, so dass jede Längs oder quer verlaufende Bahn immer nur alle zwei Felder einer Spur erscheint.

Auf diese Weise entsteht ein abstraktes Muster aus quadratischen Feldern, Bei denen die einzelnen Bahnen je nach Beginn des Einflechtens in Längs- oder in Querrichtung mehrmals auf- oder untertauchen. Die einzelnen Flächen liegen nicht völlig plan auf dem Boden, so dass eine leichte Bewegung der Oberfläche dieselbe verlebendigt. Das Flechtwerk aus Papier, aus industriell gefertigten Tapeten lässt den Eindruck eines Teppichs entstehen, der den Boden des Raumes bedeckt. Die sonst warm wirkende Wandhaut wird auf den Boden gelegt und enthebt ihn derart seiner Funktion als betretbare Grundlage eines Raumes, verändert die Perspektive. Es entsteht nicht nur das Bild eines Teppichs, der in seiner schlichten Form durchaus auch an sakrale Räume, insbesondere an Moscheen erinnert. Während dort die Gebetsräume nur barfuß betreten werden dürfen, verzichtet Julia Ziegler bewusst auf die Betretbarkeit des Raumes. So wird der Wandbesatz zum Bodenbild und verbindet sich mit der Architektur zu einem gewandelten Raumkörper.
Es gibt noch einen weiteren, vielleicht unbewussten Bezug zur muslimen Welt. Zahlreiche Ornamente kennen wir aus dem arabischen Raum Vorderasiens, wo es den Menschen durch die Religion des Islam untersagt war und ist, sich ein Bild vom Menschen zu machen. Der Mensch als „Ebenbild“ Gottes taucht nur vereinzelt in Buchmalereien auf. Um so vielfältiger und kunstvoller, bisweilen mit komplizierten zugrundeliegenden mathematischen Systemen, sind die Ornamente, die wir aus der arabischen Welt kennen.

Dadurch, dass wir den Raum nicht betreten dürfen, entsteht noch etwas anderes:
Der Raum und mit Ihm das Flechtwerk auf dem Boden wird nicht bis in alle Ecken, bis in alle Bereiche des existierenden Raumes einsehbar. Wir sehen nicht das ganze von der Künstlerin geschaffene Werk. Aber es entsteht der Eindruck, Raum und Bodenmuster könnten sich außerhalb des sichtbaren Bereiches in der Unendlichkeit verlieren, ewig weiterlaufen. Diese Wirkung räumlicher Weite wird auch durch das verwendete Flechtwerkmuster, das ein Schachbrettmuster entstehen lässt, unterstützt. Die Linien laufen perspektivisch in die Ferne und erzeugen eine größere räumliche Tiefenwirkung sowie eine Klärung räumlicher Verhältnisse.
Julia Ziegler arbeitet mit ganz archaischen Mitteln. Da ist das Flechtwerk als eine der ältesten kunsthandwerklichen Techniken in der Kulturgeschichte. Damit verwendet sie gleichzeitig das Ornament als eine archaische Ausdrucksform, die meist mit den Bereichen des Kunsthandwerkes in Verbindung gebracht werden.
Während aber das Schachbrettmuster – wie die meisten Ornamente aus dem Bereich der Webkunst, der Flechtkunst, der Keramik etc. – allein in kontraststarker Zweifarbigkeit verwendet wurde, entsteht hier ein dichter, verwobener, und flächig sich ausbreitender Eindruck. Das Grundornament des Schachbrettmusters tritt optisch hinter dem farblichen Vielklang der ganzen Fläche und hinter der unterschiedlichen Ornamentik der einzelnen Tapeten zurück.
Durch die Unmöglichkeit den Raum zu betreten relativiert Julia Ziegler die Bedeutung des Details. Die Neugierde auf einzelne Tapetenmuster im hinteren Raumbereich wird nicht befriedigt. Die Besucher sind gezwungen, sich die Räume und die Vorstellung derselben selbst imaginär zu komplettieren. Vor allem aber rückt der Raumeindruck selbst
in den Vordergrund.

Zur Rolle des Ornamentes. Das Ornament hat in der Kulturgeschichte eine unglaubliche Vielfalt und Spannbreite entfaltet. Vom einfachen Streifenmuster über die bieder anmutenden Rotweisen Karomuster süddeutscher Bauernkultur bis zur ornamentalen Rokokokartusche , den Mäandern, germanischen Flechtmustern und vielen mehr. Das Ornament oder Muster lebt von der Gesetzmäßigkeit und Wiederholung der Form.
Liest man Bücher zum Thema des Ornamentes aus der Zeit um 1900, so erfährt man, das Ornament sei wie der Tanz, die Musik oder die Architektur eine abstrakte Kunstform.  Unsere Leseart hat sich hier doch wesentlich verändert. Natürlich gibt es Bereiche, in denen wir sagen können, das Ornament wird rein formal als eine abstrakte Ausdrucksform verwendet.  Gleichzeitig aber wissen wir, dass das Ornament in seinem Ursprung durchaus auch aus einer Inhaltlichkeit entstand. So galt z.B. die ZickZack-Linie mit gesetzten Punkten in den Leerphasen in indianischen Mustern als ein Symbol für räumliche und zeitliche Unendlichkeit, indem sie die immer wiederkehrenden Wellen des Meeres und den Sand versinnbildlichen.
Das was wir hier sehen, ist zwar auch Ornament im klassischen Sinne, ist gleichzeitig aber auch alles andere als etwas „Schmückendes“.
Julia Ziegler ist eine Raumkünstlerin, die mit minimalen Mitteln in bestehende Räume eingreift, diese verwandelt und in einen neuen, Zusammenhang, in einen neuen Bezug zur Wirklichkeit stellt und ihn damit in ein vielschichtiges Beziehungsgeflecht setzt. Durch die Tapeten aus verschiedenen Zeiten verwebt sie die potentielle Geschichte unterschiedlicher Menschen.
Das gegenseitige Durchdringen, die Über- und Unterlagerung der Schichten und das nur zeitweiliges in Erscheinung treten wird zum Motiv der Erinnerungen, die auch nur fragmentarisch und vereinzelt, aber immer in einem zwingenden Kontext auftauchen. Historische Ereignisse sind nicht aus ihrem Zusammenhang herauslösbar.

Dieser Raum ist ein wunderschönes Beispiel dafür, wie sehr Räume für sich allein zur Skulptur werden können. Aber eben doch nicht ganz allein.
Das Gewölbe, die verdichtete Enge bedarf keines Inhaltes, keiner Möblierung, um als stimmungsvoller und klarer Ort/Raum empfunden zu werden. Julia Ziegler verzichtet mit diesen Mustern, die augenscheinlich etwas Banales , Einfaches haben bewußt auf etwas wie die genialische Geste der Malerei. Mit einem leisen, aber um so nachdrücklicheren Eingriff verdichtet sie den historischen Raumkörper, bindet ihn in die jüngere Geschichte ein und macht ihn als Bild, als Raumbild und als Raum vielschichtig erlebbar.

© Thomas Köllhofer