My Love, I`m Dreaming

Ruth Hutter

2. Juni - 1. Juli 2006

 

"My Love, I'm Dreaming" so der Titel der raumgreifenden Videoinstallation von Ruth Hutter im Kunstverein Viernheim. Auf den ersten Blick sieht man cartoonartig erscheinende männliche und weibliche Akteure, die überlebensgroß an die Wand und auf ausgeschnittene Forexplatten projiziert werden. Abwechselnd schmachten sie wie Teenyidole kitschige Balladen, die von Liebe, Träumen und unerfüllten Sehnsüchten handeln. Ab und an werden sie von unzähligen, nach oben gereckten Armen, bejubelt, die frenetisch applaudieren oder im Schein von tanzenden Lichtern Feuerzeuge schwenken. Hier und da tauchen hüftschwingende Backgroundgirlies auf, die speziell die männlichen Hauptprotagonisten flankieren.
Die Installation, die nahezu den gesamten Ausstellungsraum einnimmt, wird von drei zeitsynchronen DVD-Playern und Videobeamern gesteuert. Sie entführt den Betrachter in eine Welt der großen glamourösen Bühnenacts, wo umjubelte Stars und Starlets von ihren Fans gefeiert werden. Man denkt an Britney Spears oder Robbie Williams, große Musikshows, wie sie in den Megaarenen der Welt veranstaltet werden. Farbige Lichter, im ansonsten völlig abgedunkelten Raum, intensivieren den Eindruck.

Erst bei genauerer Betrachtung offenbart sich dieser glitzernde Showact in seiner tatsächlichen Dimension. Die Akteure sind alle der bunten Spielzeugwelt von Barbie und Ken entnommen und mittels einem raffinierten Montageverfahren mit menschlichen Körperteilen zu neuen Identitäten collagiert. So bewegen sich die Münder der Protagonisten zwar real und lippensynchron und die Augen blinzeln wirklich, die Gesichter jedoch bleiben jene idealtypischen, aber starren Barbiedollfaces, die so viele kleine Mädchen davon träumen lassen, dass sie einmal so werden könnten, wenn sie erst einmal groß sind. Es entsteht eine irritierende, fast autistisch anmutende Unnahbarkeit der Kunststoff-Schönen. Noch heute wird in manchen Kulturen der Puppe als Abbild des Menschen eine magische Wirkung zugeschrieben und zu allerlei Zauberwerk benutzt. Diese geheimnisvolle Magie fasziniert auch an Ruth Hutter's Arbeit, zumal wenn man weiß, dass die Körper, die sich seltsam ungelenk zur Musik bewegen, Körper von Kindern sind, die der Künstlerin als Modell für ihre Aufnahmen dienten.

Hier transformiert Ruth Hutter die illusionistische Plastikwelt von Mädchenträumen in die glitzernde Scheinwelt des Showbiz , wo, obwohl inzwischen erwachsen geworden, die gleichen Sehnsüchte und Träume weitergelebt werden.
Carolin Ellwanger, eine mit der Künstlerin befreundete Kunsthistorikerin, formuliert es so: "Die vom Betrachter häufig als real akzeptierte Künstlichkeit der Gegenwart wird ad absurdum geführt. Ebenso wird das tägliche Rollenspiel, das Spiel mit Oberflächen und Repräsentationsformen, ironisch in den Blick genommen - genauso wie der Wunsch nach Erfüllung romantischer Vorstellungen."
"When a man loves a woman" heißt der sentimentale Souloldie von Otis Redding, den einer der künstlichen Figuren schnulzt. "Ich brauch' Deine Arme, die mich jetzt halten" aber auch "Nein, ich möchte mich nicht in Dich verlieben"

Die Songtexte führen zum eigentlichen Thema von Ruth Hutters Arbeit: Beziehung bzw. die Unfähigkeit dazu.
Die Künstlerin fokussiert diese Thematik auf subtile Art und Weise. Zwei putzige Kleinkinderpuppen, ein Junge im hellblauen Strampler und ein Mädchen in Pinkrosa, unterbrechen ab und an abrupt das Showgeschehen und führen einen Dialog, der sich einzig aus Textfragmenten der Songtexte entlehnt: "Ich fühle, als ob keiner mir die Wahrheit gesagt hat, fühlst du das Gleiche, Darling?" fragt piepsend die Mädchenpuppe. "Das ist eine endlose Geschichte" antwortet der Junge ungerührt. Oder an anderer Stelle: "...aber ich bin eine Frau, ich lebe und atme für Dich", die Antwort: "Was für ein böses Spiel Du spielst"

Spätestens hier entfaltet sich die Arbeit zu einer Parabel über eine wortreiche Einsamkeit, die zwischen Menschen, speziell auch Mann und Frau, existieren kann. Und sie erhellt den daraus erwachsenden Drang, in Vorstellungen, Projektionen, Wünsche und Sehnsüchte zu fliehen. In der Unfähigkeit Beziehungen zu leben, sind Liebe und Nähe nur noch Zauberworte einer fernen Zeit. An ihre Stelle tritt eine Scheinwelt und möglicherweise eine reiche Erfahrung im Sagen von Dingen, die wie innere Monologe ungehört bleiben.

Die Beziehungslosigkeit von Ruth Hutters illuminierten Popikonen ist, wie bei den sie anschmachtenden Zuschauern und den plappernden Babypuppen, durch die Unfähigkeit zum Dialog gekennzeichnet.

Die Künstlerin lotet damit die dialektische Beziehung von Ferne und Nähe, von Fremdheit und Vertrauen, Selbstfremdheit und Selbstvertrauen aus. Dabei verdichten sich die Songfragmente stellenweise zu Aphorismen wie: "... es gibt so Vieles was ich dir sagen müsste, ... so viele Gründe warum". (Text: Fritz Stier)