ZEITLOSE LAUTE - LAUTLOSE ZEITEN

Installationen von Josefh Delleg

13. Aug. - 11. Sept. 2010

 

Zwei Installationen - ein Thema. Aus gegenläufigen Argumentationsrichtungen, mit konträren künstlerischen Gestaltungsmitteln, divergenten Konzepten und unterschiedlichen atmosphärischen Wirkungen nähern sich zwei Installationen einem gemeinsamen Ziel. Beiden geht es um Form und Inhalt autoritativer Massenansprache. Inszeniert werden zwei komplexe Paradigmen für die Durchsetzung von Weltanschauungen, konkurrierende Modelle kollektiver Verlautbarung, zwei Vermittlungsstrategien für Verbindlichkeit beanspruchende Mitteilungen. In Josefh Dellegs Saarbrücker Doppelinstallation geraten unvereinbare Kommunikationsmethoden aneinander, kommentieren und verstärken sich in der Konfrontation; trotz räumlicher Trennung sind sie thematisch miteinander verflochten, trotz inhaltlicher Verschiedenheit liegen sie konzeptuell auf gleichem Niveau - zwei parallele Szenarien, die einer vergleichbaren Ordnungsstruktur unterliegen, sich jedoch zu unvereinbaren Aussagen polarisieren. Da ist einerseits der Aufmarsch der Lautsprecher: ein minimalistisches Arran-
gement von einigen der unzähligen Enden einer unsichtbaren Befehlszentrale, Kolonnen zeitloser Symbole für die Allgegenwart obrigkeitlicher Einfluss-nahme, abgenutzte Sprachrohre eines totalitären Machtapparats, der seinen Untertanen andauernd in den Ohren liegt und mit seinen Tentakeln bis in die letzten Winkel des Herrschaftsbereichs in einer verdrahteten Welt vordringt. In Reih und Glied geordnet liegen Serienprodukte aus dem Indoktrinationsarsenal jener Machteliten, die sich permanent Gehör verschaffen müssen, um an der Macht zu bleiben, Fragmente einer technischen Anlage, deren ununterbrochenem und somit Taubheit erzeugendem Anruf sich niemand entziehen können soll. Und dann ist da der Gegenpol: die über Kopfhöhe aufgeleinten Seiten des Buchs der Bücher, das seine ursprüngliche Gestalt verloren hat, nicht mehr Buch ist, nur noch Inhalt, die entblätterte Schrift mit einer stillen Botschaft, die sich nicht aufdrängt, sondern geduldig warten kann, die nicht überwältigen, sondern überzeugen will, die nicht auf Anweisung, sondern auf freiwillige Zuwendung aus ist, die nichtsdestoweniger gleichfalls Autorität beansprucht: eine Form der Überredung, die, anstatt Untertanen zu erzeugen und diese mit Durchsagen bei der Stange zu halten, Seligkeit denjenigen verspricht, die nichts hören können und doch glauben. Während also das tönende Medium Unterwerfung fordert, will das schweigende befreien; das eine ist auf Opfer aus, das andere auf Erlöste. Herrscht auf der einen Seite der Druck des brutalen Befehls und des Mitreißens, ist es auf der anderen der Druck des moralischen Anspruchs. Gegen die Erwartung blinden Gehorsams steht die beharrliche Überzeugungsarbeit der über den Köpfen schwebenden Informationen. Sowohl der stille Wortlaut des Textes als auch das laute Wort der Durchsage richtet sich mit seiner jeweiligen Rhetorik an die größtmögliche Zielgruppe. Die Beschriftung der Blätter folgt dabei den Regeln der Grammatik, die phonetische Artikulation dem irrationalen Affekt; das lexikalische Zeichensystem bringt zur Sprache, während das akustische an das Sentiment appelliert. So fasst „tempi Crescendi" in zwei großen Bildern paradigmatisch zwei Verfahren einkanaliger Kommunikation. Indem nämlich beide Anspruch auf Wahrheit postulieren, lassen sie keinen Widerspruch zu, weisen sie nicht einmal jemanden aus, an den sich Widerspruch wenden könnte. Josefh Dellegs duales System bezieht seine Wirkung wesentlich aus einem Wechsel der Perspektiven: Jene Lautsprecher, die einst von erhöhter Position schallten, liegen nun demontiert am Boden. Von der Geschichte überrollt, windet sich das Medium im Staub, während sich die Drucksache, die gemeinhin in Augenhöhe
argumentiert, nunmehr von oben herab ihre Wirkung entfaltet. Beide Artikulationsorgane scheinen daher auf den ersten Blick defekt: Jene so genannten „Dorffunklautsprecher", die der Künstler unmittelbar nach dem Ruin des zugehörigen politischen Systems von ihren hohen Sockeln holte, sind ihrer ursprünglichen Funktion und Position ebenso beraubt wie die einzelnen Seiten des Buches, das, in seine Bestandteile zerfallen, gleichfalls nur noch als Fragment in Erscheinung tritt, nur in der Vereinzelung der fliegenden Blätter wirken kann. Doch wenngleich die Form aufgelöst ist, bleibt doch die Aussage gewahrt. Blatt für Blatt sorgsam rekonstruiert, bleibt die lineare Struktur - und damit die Botschaft selbst - unangetastet; wenn auch die Form zerfleddert, ist doch der Sinnzusammenhang gerettet. Und so, wie einerseits der Text unbeschädigt ist, bleibt andererseits der lange Arm des Systems virulent: Unablässig entquillt den Lautsprechern weiter die Akustik der Macht. Das gestürzte Regime, wirksam noch in seiner Hinfälligkeit, sondert noch immer die überholten Signale ab. Liegt auch das System am Boden, sind doch seine Prinzipien weiter intakt, wirken sie nach im Takt der ideologischen Vorgaben: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch", heißt es in Bertolt Brechts „Arturo Ui" über die Gefährlichkeit der erlegten Ideologie. So sind auch diese gefallenen Organe noch funktionsfähig, können nicht zum Schweigen gebracht werden. Doch was ihnen nun entströmt, ist nicht mehr die Botschaft zur Manipulation der Massen, sondern die Botschaft der bereits manipulierten Massen. Nun tönt aus ihnen unaufhaltsam der narkotisierende Rhythmus der Unterworfenen: nicht mehr die Stimme der Agitatoren, sondern die Reaktion der Agitierten, der Marschtritt der Bezwungenen - und das Ende vom Lied: die Melancholie des Kindergesangs, der sich auf das weltpolitische Geschehen einen schlichten Reim zu machen sucht. Mit dem Vorzeigen der Instrumente zur Gleichschaltung und Fernsteuerung des Individuums führt das Medium vor, was die Botschaft will: Dressur des Einzelnen zum Ornament der Masse; der Apparat in seiner heruntergekommenen Endphase repräsentiert den Zustand, den er selbst herbeiführen möchte: den Einklang der Vielen, den Gleichtakt des Handelns und Denken aller als das Ordnungsideal einer Tyrannei, die den Bewegungsraum und mit ihm den geistigen Spielraum kanalisiert. Die Ansagen transformieren die Adressaten zum Bestandteil des Systems: Wer hinhört, hat verloren, wer sich auf das System einlässt, wird von ihm absorbiert. In Josefh Dellegs bipolarer Installation erscheinen die paradierenden Lautsprecher als der unschuldige Teil, richtet sich doch die künstlerische Kritik nicht
gegen die missbrauchte Hardware, sondern gegen diejenigen, die sie einsetzen. Denn so, wie sie daliegen, wirken die aufgerissenen Mäuler-als Manipulationsinstrumente heute längst von wirkungsvolleren Technologien abgelöst - seltsam unzeitgemäß. Argumentiert nämlich das emotionalisierende Einpeitschen und Aufputschen auf archaischer Ebene, verlegt sich die buchstäbliche Argumentation auf eine subtilere Kulturtechnik: Die wortmächtige Installation verlässt sich ganz auf den Text und dessen Wirkung auf diejenigen, die bereit sind zu sehen und zu lesen, ihn hinzunehmen und visuell zu verschlingen. Das beharrliche Schweigen der Flugblätter ist dem flüchtigen Gelärme der Gewalt entgegengesetzt, der losgelassene Affekt kontrastiert mit der an die Leine gelegten Schrift. Babel und Bibel: hier die heillose Verwirrung der politischen Verstrickungen, dort das Heilsversprechen ex cathedra. Logos oben: abgehängt, aber lesbar, unten die Unvernunft: hoffnungslos unbelehrbar. Einerseits der unschuldige Gesang im Einklang mit dem Auftritt der schuldig Gewordenen, andererseits die lautlose Überzeugungsarbeit der schwebenden Papierformationen, „tempi Crescendi": die Parole, die sich schreiend Gehör verschafft, und der stumme Text, der danach schreit, gelesen zu werden.
Harald Kimpel

 


"Maikäfer flieg!"

"Die Bibel"