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BELOW THE SURFACE 04.09. - 03.10.2020

ADIDAL ABOU-CHAMAT | Fotografie, Zeicnung und Video

 

Wenn man diese Arbeiten sieht, macht es erst mal „BÄÄÄÄM!“ – Und dann kommt bei mir erst mal lange nichts, weil ich nachdenken muss, weil mein Hirn rattert und klappert, weil sich selbst meine Denkschubladen ineinander verklemmen und es knirscht und es knarzt, weil es eben nicht mehr so wie vorher ineinander passt.

Meine Vorstellungen, meine inneren Bilder, meine Denkstrukturen und vielleicht sogar meine Vorurteile geraten durcheinander. Und wenn das passiert, wenn mein Hirn beim Kunstgenuss so außerordentlich durcheinandergerät, dann weiß ich inzwischen, dann habe ich es mit außerordentlich anspruchsvoller Kunst zu tun.

Meine Passion als Kunsthistorikerin ist es, zu analysieren, wie das passieren kann? Meine Intention, vielleicht sogar meine Daseinsberechtigung, ist es, Ihnen nach Möglichkeit ein kleines Fenster anzubieten. Durch das Sie, wenn Sie Lust haben, schauen können und mit dem ich Sie einladen möchte, die Hintergründe oder die Faszination an diesen Werken zu begreifen. Also, was macht diese Arbeiten so spannend?

Grundsätzlich gibt es viele Denkanstöße, die man beim Betrachten dieser Werke aufgreifen kann. Die von Adidal Abou-Chamat eingesetzten Metaphern, Symbolen, Assoziationsfelder und insbesondere die kulturell konnotierten Motive leiten uns in eine bestimmte Richtung der Interpretation. Es geht um die Auseinandersetzung und das Hinterfragen von Rollenbildern, Klischees und auch Vorurteilen. Dies gerade im Hinblick auf eigene kulturelle Prägungen und die eigene kulturelle Identität, die uns und andere zu Projektionen auf die uns jeweils „fremde“ Kultur verführen kann.Die Brisanz ihrer Kunst zwingt zur Auseinandersetzung, zur Selbstreflexion, zur Bewusstwerdung und das tut selbstverständlich manchmal auch ein bisschen weh.

Abou-Chamats künstlerische Strategie basiert auf der Wirkung der Kontraste und der Kombination von für uns völlig unerwarteten Elementen. Durch den Einsatz bildgewaltiger Kontraste und ironischer Verschiebungen der kulturell zugeordneten Elemente wird die Wirkung der Arbeiten auf uns als Betrachter*innen verstärkt.Adidal Abou-Chamat hat einen messerscharfen Blick auf das menschliche Mit- bzw. Gegeneinander, auf absurde Gesellschaftsstrukturen, groteske Rollenbilder oder veraltete Identitätsmuster. Sie kann aber nicht nur sehen, was viele Menschen (vielleicht manchmal auch ganz gerne) übersehen. Sie ist auch in der Lage, uns das mitzuteilen, uns darauf zustoßen. Sie ist motiviert, uns an ihrer kritischen Gegenwartsanalyse teilzuhaben zu lassen. Sie könnte schließlich ihr Wissen ja genauso gut, ganz bequem für sich behalten.Ihr scharfer Blick könnte sich – vielleicht ist auch das ein Vorurteil – nicht nur in ihrer deutsch-syrischen Herkunft begründen, sondern auch in ihrer Expertise zum Beobachten unserer Welt. Dabei kombiniert sie mindestens zwei interessante Perspektiven miteinander: Die Künstlerin studierte Ethnologie an der LMU München und sie studierte bildende Kunst in England, Schottland und in den USA. Zusätzlich absolvierte sie ihren Ph. D. in London. Sie ist also Künstlerin und Ethnologin.

Abou-Chamat reflektiert nicht nur über soziale und kulturelle Identitäten, sie manifestiert ihre Hinweise und Denkanstöße in gewaltigen Kunstwerken.Starke Bilder, die keine Worte brauchen, um zu wirken. Bilder, bei denen wir erst mal keine Worte mehr haben.Wie ein Sensor, wie ein Detektor für sowohl historischen als auch aktuellen Irrglauben legt Abou-Chamat mit ihren Arbeiten den Finger in die Wunde.Eine Wunde an die wir – gerade wir Frauen – uns schon so sehr gewöhnt haben, dass wir oft nicht einmal mehr wahrnehmen, dass die Wunde beharrlich weiter nässt und wie sehr es eigentlich schmerzt.Ihre Kunst, seien es Fotos, Videos, Zeichnungen, Installationen, Skulpturen oder auch Assemblagen fasziniert und zieht uns in ihren Bann.Dass das nicht nur mir bzw. uns heute Abend so geht, belegen bereits zahlreiche Preise und Stipendien, diverse Teilnahmen an Gruppenausstellungen und über dreißig Einzelausstellungen.

 

Dreaming of…

Wie elektrisiert bin ich von der Reihe „Dreaming of…“. Eines der Bilder dieser zwölfteiligen Fotoserie und eines gleichnamigem Video sehen wir auch auf der Einladungskarte. Eine weibliche Figur verhüllt in das im Islam traditionelle schwarze Überkleid Abaja kombiniert mit dem Gesichtsschleier Niqab. Im Kontrast dazu trägt sie klassische pastellrosa Spitzenschuhe. In einem Wort: CULTURE CLASH.

Rollenbilder, Vorstellungen und Vorurteile über Orient und Okzident treffen hier auf eine Art zusammen, die man nicht erwartet, die man noch nicht kennt, die man nicht einordnen kann.

Die Tänzerin vollführt anmutig klassische Positionen des europäischen Balletttanzes, wie den Spagat oder das unnatürlich den Körper verbiegenden Arabesk. Nur ihre Augen sind tatsächlich zu sehen. Ihr Körper bleibt verhüllt.

Sie ist verschleiert, aber die Bewegung, Passion, Eleganz ihres Körpers bleibt trotzdem sichtbar. Dies ist nicht so offensichtlich oder wie mancher vielleicht sagen würde „offenherzig“ zu sehen, als trüge sie Hotpants und Croptop oder auch ein klassisch körperbetontes Tutu. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Eleganz dieses Wesens verschwindet.

Ich meine damit nicht, wir sollten gaffen, sondern ich lerne aus diesen Arbeiten, ich sollte mit offenen Augen durchs Leben gehen und ich sollte niemals aufhören zu hinterfragen, was ich meine zu sehen.

In mir wächst dadurch die Erkenntnis, dass sich die weibliche Identität, die weibliche Seele tatsächlich nur oberflächlich durch ein schwarzes Stück Stoff verschleiert werden kann, und dass sie sich nur scheinbar durch ein Paar unnatürliche Spitzenschuhe einengen lässt.

Abou-Chamat beweist sich auch hier als eine kulturelle Pionierin. Ihre transkulturellen Forschungsergebnisse manifestiert sie jedoch nicht, wie man es von Wissenschaftlerinnen kennt, in niedergeschriebener Fachliteratur, sondern in Kunstwerken, die uns alle unweigerlich berühren.

 

Desire

In „Desire“ von 2019 sehen wir den leidenschaftlichen Tangotanz zweier verschleierter Frauen. Nur die Haut ihrer Hände und Füße bleibt nackt, was die Verhüllung von Kopf und Körper umso deutlicher macht. Durch den extremen Kontrast unserer inneren Denkmuster wird das Video umso eindrücklicher.

Man wird magisch angezogen von der unglaublichen Ästhetik, den Linien und Formen der sich bewegender Körper, dem Faltenwurf der Stoffe und der sich ineinander verschraubenden, präzise interagierenden Formen.

Der argentinische Tanz wird in – Vorsicht, ich projiziere an dieser Stelle – westlichen Köpfen mit Sinnlichkeit, Erotik und sexualisierter Körperlichkeit assoziiert. Ausgerechnet dieser Tanz wird offensichtlich von zwei traditionell verschleierten Muslima ausgeführt, denen – Achtung, ich projiziere schon wieder – diese Eigenschaften in westlichen Köpfen meist abgesprochen werden. Oftmals werden sie stattdessen als prüde, reglementiert, gar asexuell wahrgenommen. Die Arbeit macht mir bewusst, dass die Energie, Kraft, Schönheit, Erotik, Leidenschaft dieser Frauen auch unter Niqab und Tschador lebt und pulsiert.

Zudem handelt es sich hier um zwei Frauen, deren gegenseitige Anziehung selbst in der vermeintlich offeneren westlichen Kultur oftmals auf Unverständnis und Ablehnung stößt.

Abou-Chamat tritt hier mit 7-Meilen-Stiefeln in Tabus. Wir fühlen uns provoziert und gleichzeitig von den eigenen Vorurteilen vor den Kopf gestoßen.

 

„Bittersweet“

Auch „Bittersweet“ von 2019 ist für mich ein ganz besonderes Bild. Oh wie süß! Was bietet mir die Dame denn hier leckeres an? Aber warum schaut Sie denn so komisch? Ehrlich gesagt ein ganz schön resignierter Blick! Das sieht aber gar nicht aus, wie die Katzenzungen meiner Kindheit? Und wieso? Weil das eine Arbeit von Abou-Chamat ist. Und die sind nicht süß, sondern auch mal bitter!

Es sind keine Zungen, sondern Hände, weil in dem Oxymoron „bittersüß“ ein Hinweis auf die Verbrechen des Kolonialismus oder besser auf das Verbrechen Kolonialismus verschlüsselt ist.

Durch Abou-Chamats Inszenierung wird die Porträtierte zur Symbolfigur. Ihr Teint, die markanten Extensions und auch das wilde Stoffmuster im Hintergrund wecken Assoziationen an Afrika. Bei der wie Reliquien oder vielleicht sogar Beweismaterial präsentierten Pralinenschachtel handelt es sich um sogenannte „Antwerpse Handjes“. Diese gerade bei Touristen beliebte Süßspeise soll an den Gründungsmythos Antwerpens erinnern. Wonach der Held im Streit einen bedrohlichen Riesen besiegte und ihm aus Rache die Hände abschlug.

Durch das Arrangement der Bildelemente erweitert die Künstlerin die Konnotationen dieser populären, sonst so beliebten belgischen Schokolade. Allein der zur Herstellung benötigte Rohstoff des Kakao verweist auf die Kolonialzeit. In der damaligen Privatkolonie des belgischen Königs Leopold des II. galt es als Kavaliersdelikt den Kongolesen – seien es Männer, Frauen oder Kinder – die Hände abzuhaken. Diese wahllos abgetrennten Körperteile konnten von den Söldnern als Pfand gegen neue Munition eingetauscht werden. In diesem Kontext bleibt einem die sonst als so köstlich und fein geglaubte belgische Schokolade tatsächlich grad im Halse stecken.

Der Ausstellungstitel „below the surface“ ist hier meiner Meinung nach besonders feinsinnig gewählt: „Unter der Oberfläche“ erklärt uns, wie lecker Schokolade plötzlich richtig bitter werden kann. Zeigt uns, was von Schleiern verborgen sollte. Zeigt uns, wie viel politisches und gesellschaftliches Engagement hinter der Oberfläche ästhetischer Kunstwerke verborgen sein kann – und sollte uns vor allem Anlass geben zu prüfen, wie viele unbemerkte Vorurteile sich hinter unseren ach so intellektuellen Schädeldecken noch immer verbergen.

 

Dr. Pamela Pachl (Kunsthistorikerin)          

Öffnungszeiten: Do + Fr 15-18 Uhr | Sa 10-13 Uhr